Monteverdis „Orfeo“ im neuen Gewand(haus)

Der Palast von Mantua ist das Gewandhaus zu Leipzig zwar nicht, wird aber am Abend des 12. Juni 2017 herrschaftlich besetzt, als Jordi Savall, La Capella Reial des Catalunya und Le Concert des Nations den Saal betreten. Aus Spanien tragen sie ihre historischen Originalinstrumente und ihre charismatischen Sängerstimmen nach Leipzig. Sie musizieren Claudio Monteverdis „L’Orfeo“, die erste überlieferte und komplett erhaltene Oper. Für die Musikgeschichte ist sie ein Schatz und für alle, die im ausverkauften Großen Saal sitzen und lauschen wird sie es spätestens an diesem Abend.

Im Februar 1607 bringt Claudio Monteverdi die sensationelle Erfindung des neuen rezitativischen Stils in der Geschichte vom Schicksal des antiken Sängers Orpheus unter, dann auf die Bühne des Hofes in Mantua, wo er als Kapellmeister angestellt ist und schickt sie damit in die Welt. Die Monodie war geboren und bahnte den Weg für die Arie. Dieser neuartige Sologesang erlaubte es, die in der Dichtung versteckten Emotionen, die beim bloßen Lesen des Textes als Leerstellen zurückbleiben, musikalisch umzusetzen und somit direkt fühl- und erlebbar zu machen.

Berhard Schrammek schreibt folgende Verse, mit denen sich in einem Satz das Sujet der Oper beschreiben lässt: „Ich bin die Musik, die mit süßen Tönen jedes gequälte Herz zu beruhigen weiß und mal von edlem Zorn und mal von Liebe die eisigsten Gemüter entflammen kann.“ Selbstbewusst kommt Orfeo in diesen Worten zur Geltung und findet auf der Bühne durch Marc Mauillon einen dieser Rolle mehr als gewachsenen Sängerkollegen. Emotional und anrührend sind die Passagen von innigster Liebe und größtem Kummer vorgetragen. Die Stimme schmachtet und leidet und transportiert den Inhalt, ohne dass der übersetzte Text zu Hilfe genommen werden muss. Die Musiker begleiten eine der tragischsten Liebesgeschichten, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie bleiben im Hintergrund, wenn persönliches Leid und emotionale Entgleisungen sehr private menschliche Abgründe offenbaren. Fangen auf, wenn die Stimme oder das Herz zu brechen drohen. Können trösten und zur Seite stehen, wenn der Tränenfluss einen Melodiefluss unmöglich macht. Oder untermalen, was ohne Worte sagbar ist, ohne Sprache auskommt und doch nicht sprachlos ist.

Sprachlos macht lediglich das erstklassische Niveau der Künstler. Nicht vordergründig, nicht zur Schau gestellt oder manieriert wirkt ihr Einsatz für diese Interpretation des Werkes. Es ist eine unberührte, vollkommene Musik, die sich an diesem Abend still und rein in die Menschen schleicht.

Schüler*innen der Thomasschule, Klasse 11



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