Probe und Konzert der „Marienvesper“ Claudio Monteverdis

„Das Wort sei die Herrin der Harmonie, nicht ihr Diener.“ – Mit diesen über 400 Jahre alten Worten des Monteverdi-Bruders Giulio Cesare lassen sich allerhand Eindrücke beschreiben, die sowohl am Vormittag in der öffentlichen Probe, als auch im Konzert am Abend des sechsten Bachfest-Tages entstehen. Musiziert wurde die „Marienvesper“ Claudio Monteverdis, die  als „Bewerbungsmappe“ des am Hofe in Mantua angestellten fortschrittlichen Komponisten gilt. Wie kein anderer seiner Zeit, weiß Monteverdi den „alten“ mit dem „neuen Stil“ zu vereinen. Aus der Vokalpolyphonie nimmt er die fünf- bis achtstimmigen, auf einen monumentalen Klang ausgerichteten Verflechtungen im Stile der Parodiemesse und setzt ihnen schlichte, auf den Wortinhalt konzentrierte, solistische Parts entgegen. Eben jene Kontraste sind es, die von der Vielfältigkeit der Vokalmusik der ausgehenden Renaissance zeugen.

Und damit das Wort die Harmonie auch beherrschen kann, sind schon in der Probe am Vormittag in der Nikolaikirche sowohl der alten Musik dienliche, als auch heutigen Hörgewohnheiten entsprechende Umbaumaßnahmen und Vorbereitungen notwendig. So werden die Plätze für Instrumentalisten und Sänger genauestens ausgelotet und der Spezifik dieses Kirchenraumes angepasst. Ursprünglich monumentaleren Kirchenbauten zugedacht, dosiert Raphael Pichon, der junge Leiter des ebenso jungen, französischen Ensembles Pygmalion die Klänge in die akustisch scheinbar zu eng geratene Nikolaikirche. Die antiphonalen Wechselgesänge zwischen den Psalmen werden von verschiedenen Emporen aus solistisch und chorisch gesungen und somit zu einem wahren Dolby-Surround-Erlebnis. Für die Gregorianischen Gesänge kehren die Männerstimmen dem Publikum den Rücken und erreichen in den Altarraum gesungen im Kirchenraum eine unaufdringliche, indirekte und damit meditative Wirkung.

Interessant sind auch die Veränderungen der Aufstellung von Männer- und Frauenstimmen. Auf der Suche nach dem idealen Klang lässt Pichon nichts unversucht und tauscht in der ersten halben Probenstunde mutig und häufig. Am Abend ist eine für diese Kirche passende Entscheidung gefallen und sie ist gut: Die hohen Männer- und Frauenstimmen werden an den Außenplätzen positioniert, die tiefen Stimmen in der Mitte und damit ist die Klangkuppel perfekt. Davor sitzen oder stehen die Musiker mit alten Instrumenten, aber junger Spielfreude und komplettieren die frische und beherzte Interpretation eines für manche Ohren doch eher spröden und langatmigen Werkes.

Die längeren Momente der inneren Einkehr sind dann am Abend in der ausverkauften Kirche möglich, als die Vesper komplett und ohne Unterbrechungen erklingt. Auch wenn oder gerade weil sich die Akustik und auch die Stimmung ändert, wenn jeder Platz besetzt und die Kirche voller Menschen ist, bleibt dieses Konzert mit einem langen Nachhall in – Ja, wo eigentlich genau? – Den Ohren? Den Augen? Dem Herzen? Vielleicht überall ein wenig und darin aber vollkommen.

Thomasschüler*innen der Jahrgangsstufe 11



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